Bluthochdruck: Der Salzstreuer ist selten das Problem
Nicht der Salzstreuer treibt den Blutdruck: Brot, Käse und Wurst, Lakritz und rezeptfreie Mittel spielen mit. Was DGE, BfR und IQWiG dazu sagen.

Wer erfährt, dass sein Blutdruck zu hoch ist, denkt fast reflexartig an den Salzstreuer auf dem Esstisch. Der ist aber selten der Hauptverantwortliche. In Deutschland haben nach Angaben des IQWiG etwa 50 % der Männer und 40 % der Frauen einen erhöhten Blutdruck, und rund 15 % der Betroffenen wissen es gar nicht — denn spüren lässt sich ein erhöhter Blutdruck normalerweise nicht. Umso lohnender ist der Blick auf die Dinge, die im Alltag mitspielen und dabei kaum auffallen: das Salz in ganz normalen Lebensmitteln, eine beliebte Süßigkeit und ein paar frei verkäufliche Mittel aus der Hausapotheke.
Das meiste Salz kommt aus Brot, Käse und Wurst
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung nennt als Lebensmittel mit hohem Natriumgehalt ausdrücklich verarbeitete Produkte wie Brot, Käse, Wurstwaren und Fischkonserven — also Dinge, die auf kaum einem deutschen Frühstückstisch fehlen. Der Schätzwert für eine angemessene Natriumzufuhr liegt bei Erwachsenen bei 1.500 mg pro Tag. Zwei Scheiben Brot mit Käse und Wurst bringen einen erheblichen Teil davon mit, ohne dass jemand nachgesalzen hätte.
Warum das zählt, formuliert die DGE nüchtern: Eine hohe Natriumzufuhr kann das Risiko erhöhen, an Bluthochdruck zu erkranken. Das IQWiG zählt eine salzreiche Ernährung entsprechend zu den wichtigsten Risikofaktoren, gemeinsam mit Übergewicht, zu viel Alkohol, Rauchen und zu wenig Bewegung. Wer weniger Salz essen will, muss also zuerst einkaufen lernen, nicht kochen lernen.
Lakritz und rezeptfreie Mittel — die unterschätzten Treiber
Lakritz ist in Deutschland kein Nischenprodukt, und genau darin liegt das Thema. Das Bundesinstitut für Risikobewertung beschreibt, dass der dauerhafte Verzehr von Lakritz mit größeren Mengen Glycyrrhizin — gemeint sind mehr als 200 Milligramm je 100 Gramm Lakritz — den Mineralstoffwechsel verändert: Natrium wird angereichert, Kalium geht verloren. Die Folgen benennt das BfR direkt als erhöhten Blutdruck, Wassereinlagerungen im Gewebe und Muskelschwäche. Die Empfehlung des Instituts lautet, die Aufnahme von Glycyrrhizin auf unter 100 Milligramm pro Tag zu begrenzen.
Wie knapp diese Grenze bemessen ist, zeigt eine randomisierte Cross-over-Studie aus dem American Journal of Clinical Nutrition von 2024. Gesunde Freiwillige nahmen zwei Wochen lang täglich genau 100 mg Glycyrrhizinsäure zu sich — jene Menge, die die WHO bis dahin als unbedenklich eingeschätzt hatte. Der zu Hause gemessene systolische Blutdruck stieg trotzdem um 3,1 mmHg, Renin und Aldosteron waren deutlich unterdrückt. Die Autoren schlossen daraus, dass Lakritz potenter wirkt als bisher angenommen.
Auf der Packung steht das übrigens längst. Anhang III der EU-Lebensmittelinformationsverordnung schreibt für Süßwaren ab 4 g Glycyrrhizinsäure je Kilogramm den Hinweis „enthält Süßholz — bei hohem Blutdruck sollte ein übermäßiger Verzehr dieses Erzeugnisses vermieden werden“ direkt unter der Zutatenliste vor. Schon ab 100 mg je Kilogramm muss zumindest „enthält Süßholz“ dort auftauchen. Der Satz ist leicht zu übersehen, weil er nicht auf der Vorderseite steht.
Der dritte Punkt steht in keiner Zutatenliste. Das IQWiG weist darauf hin, dass auch Medikamente den Blutdruck etwas erhöhen können, darunter entzündungshemmende Schmerzmittel wie Diclofenac und Ibuprofen, abschwellende Nasensprays und östrogenhaltige Verhütungsmittel. Das sind Mittel, die viele Menschen wochenlang nehmen, ohne sie überhaupt als Medikament zu verbuchen — das Nasenspray in der Erkältungszeit, die Schmerztablette bei Rückenschmerzen.
Prüfen Sie zuerst diese drei Dinge
- Vergleichen Sie die Nährwerttabelle beim Brot, beim Käse und bei der Wurst — Nicht alle Sorten liegen gleich. Wer bei den zwei Produkten, die ohnehin jede Woche im Einkaufswagen landen, zur salzärmeren Variante greift, verändert die Tagesbilanz spürbar, ohne den Speiseplan umzustellen.
- Lesen Sie bei Lakritz die Zeile unter der Zutatenliste — Genau dort steht der vorgeschriebene Süßholz-Hinweis. Wer bereits einen erhöhten Blutdruck hat oder entwässernde Medikamente nimmt, sollte den regelmäßigen Verzehr mit der Ärztin oder dem Arzt besprechen, statt es allein auszuprobieren.
- Sprechen Sie frei verkäufliche Mittel in der Praxis an — Ibuprofen, Diclofenac und abschwellende Nasensprays gehören auf die Liste, die Sie zum Termin mitbringen. Und umgekehrt gilt: Ein verordnetes Blutdruckmedikament setzt man niemals eigenmächtig ab — diese Entscheidung trifft nur, wer es verschrieben hat.
Ab wann 180 zu 110 ein Notfall ist
Für einen einzelnen hohen Messwert gibt es eine klare Regel. Liegt der obere Wert über 180 mmHg und der untere über 110 mmHg, spricht man laut IQWiG von einer Blutdruckentgleisung. Ist der Blutdruck nur kurzzeitig so hoch, besteht in der Regel kein Grund zur Sorge — Fachleute empfehlen, erst zur Ruhe zu kommen und 30 Minuten später erneut zu messen. Kommen jedoch Beschwerden hinzu, die auf einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hindeuten, gilt etwas anderes: Bei Atemnot, Engegefühl in der Brust, Lähmungen, Seh- oder Sprechstörungen, Krampfanfällen oder Verwirrtheit sollte man sich hinlegen und den Notruf 112 rufen lassen. In der Schwangerschaft ist bei entgleistem Blutdruck sofort ärztliche Hilfe nötig.
Und damit die Frage, die diesen Text eigentlich zusammenfasst: Wie viele der genannten Punkte gelten heute für Sie — das Brot mit Käse und Wurst, die Lakritztüte, das Nasenspray, das seit Wochen im Bad steht? Wer eine ehrliche Zahl im Kopf hat, weiß auch schon, wo die erste Änderung ansetzt. Dieser Beitrag bietet allgemeine Gesundheitsinformationen und ersetzt weder eine ärztliche Diagnose noch eine Beratung; bei anhaltend hohen Werten oder Beschwerden ist ein Arztbesuch der richtige nächste Schritt.
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